150 Jahre Berliner Tierärztliche Gesellschaft - Historischer Überblick

Kurzfassung des Festvortrages zur 150 Jahrfeier am 11. Oktober 1995 im Hörsaal des Instituts für Veterinär-Anatomie, Berlin (Mitte)

Unter Hinweis auf frühere Veröffentlichungen über die Geschichte der Gesellschaft in der BMTW wird vor allem die Entwicklung nach ihrer Neugründung im Jahre 1948 geschildert. Der „Verein praktischer Tierärzte“, ursprünglich als Notgemeinschaft gegen das Pfuschertum am 17. November 1845 gegründet, veränderte unter dem Vorsitz von Prof. Valentin Stang seine zunächst standespolitische Zielsetzung zugunsten wissenschaftlicher Vorträge und Mitteilungen aus der Praxis. Name und Satzung wurden mehrfach geändert, nicht zuletzt auch dem wechselnden Zeitgeist angepaßt.

Auch die „Berliner Tierärztliche Gesellschaft“ fiel nach der bedingungslosen Kapitulation unter das Verbot aller 1945 noch bestehenden Organisationen. Prof. Dr. Martin Lerche erbat 1946 bei der Sowjetischen Zentralkommandantur die Genehmigung, in der Fakultät fachwissenschaftliche Vorträge halten lassen zu dürfen. Dies wurde erlaubt, dagegen die Neubildung der Gesellschaft abgelehnt. Erst ein Jahr später durften auf Antrag auch nichtpolitische Vereinigungen unter gewissen Voraussetzungen gebildet werden. Und so beantragten Prof. Dr. Dobberstein als Dekan, der praktizierende Tierarzt Dr. Pietzschk, Schlachthofdirektor Dr. Martin, Dr. Schönwetter als Leiter des Veterinärwesens in der Gesundheitsverwaltung des Magistrats von Groß-Berlin und Prof. Dr. Zeller, Leiter der Veterinärabteilung im „Institut für allgemeine Hygiene“ (früheres Reichsgesundheitsamt) die Neuzulassung der ehemaligen Berliner Tierärztlichen Gesellschaft. Nach einigen vorgeschriebenen Satzungsänderungen sowie Umbenennung in „Berliner wissenschaftliche Gesellschaft für Tierärzte“ wurde sie als erste medizinische Fachvereinigung für Groß-Berlin, also für alle vier Besatzungssektoren, zugelassen. Die Gründungsversammlung fand am 26. Juli 1948 mit 92 Mitgliedern statt. Zum Vorsitzenden wurde Prof. Dr. Lerche gewählt, stellvertretender Vorsitzender wurde Dr. Schönwetter, Schriftführer Dr. Raethel und Schatzmeister Dr. Pietschk. Spätere Vorsitzende waren die Professoren Ullrich, Schmidt-Hoensdorf (110-Jahrfeier 1956), Schützler, L. Felix Müller (125-Jahrfeier 1970), Sinell und nunmehr Hörchner.

Nach einer vereinsinternen Vereinbarung sollte die Position des stellvertretenden Vorsitzenden wegen der Tätigkeit der Gesellschaft in ganz Berlin stets von einem Kollegen aus Ost-Berlin besetzt werden. So wurde dieser Platz von 1961 bis 1990 freigehalten, und erst nach der letzten Satzungsänderung im Jahre 1972 war es möglich, einen zweiten stellvertretenden Vorsitzenden zu wählen. Nach der „Wende“ ist daher mit Prof. Ippen endlich wieder ein Kollege aus dem Ostteil Berlins hinzugewählt worden.

Die Aktivitäten der Gesellschaft vollziehen sich satzungsgemäß vor allem in Sitzungen, zu denen die Mitglieder monatlich einmal - mit Ausnahme des Sommers - eingeladen werden. Dort sollen neue Ergebnisse veterinärmedizinischer Forschung und ihrer Grenzgebiete vorgetragen und diskutiert werden. Die Namen der Vortragenden in den ersten Nachkriegsjahren waren fast alle die selben, die uns Älteren aus unserer Studienzeit an der Friedrich-Wilhelms-Universität noch gut bekannt waren (Dobberstein, Lerche, Neumann-Kleinpaul, Silbersiepe), dann folgen die der neu an die Fakultät der Humboldt-Universität Berufenen (Ulllrich, Paul Koch, Müssemeier, Borchert, Tankred Koch, Tillmann). Und erst allmählich enthalten die Einladungen neue Namen. Ganz besonders trifft dies zu, nachdem durch den Mauerbau am 13. August 1961 der Ostteil Berlins von dem Westteil der Stadt nahezu hermetisch abgeriegelt wurde. Die Gesellschaft existierte praktisch nur noch in West-Berlin, und so rekrutierten sich die Vortragenden vor allem aus den Hochschullehrern, ihren Assistenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern des 1951 gegründeten Fachbereichs Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin. Dabei tauchte so mancher Name von jungen Wissenschaftlern auf, die ihre ersten Vorträge vor den Mitgliedern der Gesellschaft hielten, ehe sie ihre wissenschaftliche Laufbahn begannen, ihren Weg in die Lehre und Forschung antraten. Viele von ihnen gehören inzwischen zu bekannten Professoren, ein Teil ist heute sogar schon emeritiert oder pensioniert; leider weilen einige auch nicht mehr unter den Lebenden. Häufig begegnen wir auch den Namen von Kollegen aus dem bedauerlicherweise und ungerechtfertigt aufgelösten weltbekannten Bundesgesundheitsamt, aus dem Veterinärverwaltungsdienst, dem Landesveterinäruntersuchungsamt und späteren Landesuntersuchungsinstitut für Lebensmittel, Arzneimittel und Tierseuchen Berlin, aus der Praxis, aus der Arzneimittelindustrie und dem Berliner Zoologischen Garten. Es finden sich auch Namen auswärtiger Gäste, die ihren Vortrag sozusagen als Einführung vor ihrer Berufung in den hiesigen Lehrkörper vor der Berliner Tierärztlichen Gesellschaft hielten. Es ist den Vorständen wiederholt auch gelungen, nicht nur Gastvortragende aus Westdeutschland, sondern auch bekannte Wissenschaftler aus dem Ausland ebenso wie Humanmediziner zu gemeinsamen Veranstaltungen zu gewinnen.

Aus dem seit 1963 am Fachbereich eingerichteten Seminar für Tropenveterinärmedizin wurde Interessantes über fachliche Exkursionen nach Afrika, ferner über die Arbeiten in den über einige Jahre vom Fachbereich betriebenen Außenstellen in Ankara und Damaskus, ebenso von Studienreisen und -aufenthalten mitgeteilt. Besonderes Interesse fanden Vortragsabende, die zu einem Generalthema veranstaltet wurden. In den Jahren zwischen 1979 und 1988 fand jährlich ein „Lebensmittelhygienisches Colloquium“ als Gemeinschaftsveranstaltung mit der Tierärztekammer Berlin statt.

Praxis- und objektbezogen waren stets die Klinisch-Pathologischen Demonstrationen. Zunehmend werden jetzt Probleme aus den Bereichen Tierversuche, Versuchstierhaltung und Tierschutz erörtert. Auch Fragen der tierärztlichen Ausbildung und des Studentenaustausches stehen immer wieder, neuerdings im Zusammenhang mit der Studienreform, auf dem Programm.

Die Themen der Vorträge umfassen den gesamten vorklinischen und klinischen, den theoretischen und praxisnahen Forschungsbereich der Veterinärmedizin. Viele Themen geben Hinweise auf aktuelles Krankheits- und Seuchengeschehen, neue diagnostische und Untersuchungsverfahren, auf moderne Therapieverfahren, neue Arznei- und Betäubungsmittel, auf Probleme der Tierernährung und der neuzeitlichen Tierhaltungssysteme. Ebenso wurden die Auswirkungen neuer Rechtsvorschriften auf den Gebieten des Tierseuchen- und Tierschutzrechts, des Lebensmittel-, Fleisch- und Milchhygienerechts, des Strahlenschutzes, ferner Arzneimittel und Betäubungsmittel betreffende Vorschriften vorgetragen und diskutiert. Auf klinischem Gebiet standen für die Großstadt Berlin verständlicherweise Hund, Katze und andere Heimtiere im Vordergrund, später auch das Pferd.

Der Vorstand hat es stets vermocht, Vortragende aus sämtlichen Gebieten der Veterinärmedizin zu finden. Nach der Vereinigung der beiden Teile Berlins war es endlich wieder möglich, auch Vortragende aus der Veterinärmedizinischen Fakultät der Humboldt-Universität zu gewinnen. Nach der inzwischen erfolgten Fusion dieser Fakultät mit dem Fachbereich der Freien Universität Berlin ist - ebenso wie bei den Mitgliedern der Gesellschaft - auch diese „Spaltung“ glücklicherweise überwunden.

Der Besuch der Sitzungen ist unterschiedlich: Aus den während der Veranstaltung kursierenden Anwesenheitslisten geht leider die Anzahl der Teilnehmer nicht exakt hervor, da die Listen häufig nicht an alle weitergegeben werden. Die Zahlenangaben schwanken zwischen 40 und 150, wobei in den letzen Jahren auffällt, daß meist mehr Gäste und Studenten als Mitglieder der Gesellschaft an den Vortragsabenden und klinischen Demonstrationen teilnehmen.

Bis zum Beginn des ersten Weltkrieges kamen die Mitglieder zunächst in Gaststätten in Stadtmitte, nach 1919 in den Räumen der Tierärztlichen Hochschule zusammen. Nach dem zweiten Weltkrieg fanden die ersten Sitzungen am gleichen Ort (nunmehr Fakultät der Humboldt-Universität) statt, ab 1951 im Großen Sitzungssaal des Landesgesundheitsamtes in der Invalidenstraße, auch in der Human-Anatomie der inzwischen neugegründeten Freien Universität und schließlich ab 1954 im Krankenhaus Moabit. Nach der Spaltung der Stadt 1948/49 wurde im Ostteil Berlins keine Veranstaltung mehr durchgeführt. Die Gesellschaft war zwar für ganz Berlin zugelassen, aber nach dem Bau der Mauer am 13. August 1961 konnte sie notgedrungen nur noch in West-Berlin aktiv sein. Dementsprechend mußten neue Vortragssäle gesucht werden. Die Sitzungen wurden ab 1962 für viele Jahre in das Vorklinikum des Fachbereichs in der Dahlemer Koserstraße, später nach Düppel in die Kliniken für Pferdekrankheiten bzw. für kleine Haustiere verlegt. Seit März 1990 können die Sitzungen wieder von den Kolleginnen und Kollegen aus beiden Teilen der Stadt und aus der Umgebung besucht werden. In den Jahren nach 1990 war die Gesellschaft mehrfach auch im Ostteil der Stadt zu Gast.

Die Mitgliederzahlen zeigen erfreulicherweise einen steten Aufwärtstrend. Waren es 1870 nur 32 Mitglieder, im Jahr 1900 70 und zu Beginn des 1. Weltkrieges 212 Mitglieder, so waren es 1919 noch 152 Mitglieder, und bei Beginn des 2. Weltkrieges war die Gesellschaft mit 280 Mitgliedern die größte tierärztlich-wissenschaftliche Vereinigung im damaligen Reichsgebiet. Die Nachkriegszeit begann im Gründungsjahr mit 92 Mitgliedern von 192 in Berlin registrierten Tierärzten. 1956 zur Zeit der 110-Jahrfeier konnten 185 Mitglieder und 1970 zur 125-Jahrfeier 215 Mitglieder, davon nur noch 21 aus dem Ostteil der Stadt, gezählt werden. Inzwischen ist durch Wieder- und Neueintritte von Kolleginnen und Kollegen aus Ostberlin wieder eine Mitgliederzahl in alter Höhe erreicht.

Den Mitgliedern unserer Gesellschaft sowie den Gästen und Studenten wird in den Sitzungen die ganze Breite unseres Berufes demonstriert, und die Sitzungen führen die unterschiedlichen Fachrichtungen und Berufsgruppen zusammen, bieten die Möglichkeit zu Diskussionen und verhindern damit den Verlust der Gesamtsicht. Damit erfüllt unsere Berliner Tierärztliche Gesellschaft seit nunmehr anderthalb Jahrhunderten ihre sich selbst gestellte Aufgabe, Wissen zu mehren und Kollegialität zu fördern.

Die 150 Jahre der Geschichte unserer Gesellschaft sind zugleich eine Wissenschaftsgeschichte der Veterinärmedizin in Berlin. Sie zeigen die Entwicklung von der Empirie zu einer modernen Lehre und Forschung, die Fortschritte und die Vielseitigkeit unseres Berufes, den Strukturwandel in Landwirtschaft und öffentlichem Veterinärwesen, die Spezialisierung auch in unseren Beruf.

Abschließend wird der Vorschlag gemacht, die monatlichen Sitzungen wieder an einem zentral gelegenen Ort, nämlich im historischen Langhans-Bau durchzuführen.

Autoreferat, Prof. Dr. H. Scheunemann

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